Bshara Tannus

Interview vom 29. März 2011

Bshara

  1. Name:
    Bshara Najib Yusef Tannus

  2. Alter:
    36 Jahre

  3. Verheiratet?:
    Ja, ich habe eine Frau aus dem Libanon.

  4. Kinder (Anzahl und Alter)?
    Ich habe zwei Töchter, 4 Jahre und 9 Monate alt.

  5. Wo wohnst du?
    Ich bin nun seit 35 Jahren hier an der Theodor Schneller Schule. Ich kam hierher als kleines Kind und habe eigentlich mein ganzes bisheriges Leben hier verbracht.

  6. Wo bist du geboren und aufgewachsen?
    Ich wurde in Kerak geboren. Dies ist eine kleine Stadt im Süden von Jordanien nahe dem toten Meer.

  7. Wie kamst du zur TSS? Warst du selbst ein Schüler hier?
    Im Alter von drei Jahren im Jahr 1978 kam ich zur TSS, weil beide meine Eltern gestorben waren. Hier war ich der kleinste Junge. Seither bin ich der TSS treu geblieben.

  8. Was sind deine Hobbys?
    Malen, Fussball und Theaterspielen. Das letzte Stück welches ich geschrieben und von welchem ich Regie führte war das welches du vor kurzem am Muttertag gesehen hast. Wie du sicher gemerkt hast, vermittelte es die wichtige Botschaft, dass wir uns um unsere Mutter kümmern sollten.

  9. Was denkst du ist das wichtigste im Leben?
    Ich denke es ist sehr wichtig ein Ziel und ein Traum im Leben zu haben und dafür sollten wir uns mit aller Kraft einsetzen und darum kämpfen wie ein Löwe. Wir sollten nicht nur dasitzen und darauf hoffen das Gott uns schon helfen wird.

  10. Was ist deine Aufgabe hier an der Schneller Schule?
    Für 15 Jahre habe ich als Erzieher im Internat gearbeitet. Seit 2 Jahren arbeite ich aber nun als Manager für die Freizeitaktivitäten der Kinder. In dieser neuen Beschäftigung arbeite ich mit vielen Leuten der Schule zusammen, mit den Lehrern, den Erziehern und natürlich den Kindern. Wir bieten 9 unterschiedliche Aktivitäten für die Kinder an. So lernen sie wie sie ihre Freizeit mit etwas Sinnvollem ausfüllen können. Zum Beispiel Sport, Mahlen, Sinnesgarten, Seilgarten oder Fitness-Raum. Am Nachmittag wo mehr Zeit zur Verfügung steht, machen wir auch Dinge wie Musik, Theater oder sogar Taik-Wan-Do.
    Folgende sportliche Aktivitäten machen wir ausserdem zusammen mit den Kindern: Volleyball, Basketball, Fussball (Wir haben zwei Fussball-Manschaften hier an der Schule). Manchmal treten wir im Fussball auch gegen Teams von anderen guten Schulen an.
    Einmal pro Jahr organisieren wir ausserdem einen Sporttag mit einer Art Marathon bestehend aus Disziplinen wie Schwimmen, Laufen und natürlich auch Fussball.

  11. Wieso sind gute Freizeitaktivitäten für die Kinder so wichtig?
    Viele Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen. Zum Beispiel sind sie sehr arm und/oder haben Probleme mit ihren Eltern, oder sind sogar Waisen. Aus diesem Grund sind viele Kinder verhaltensauffällig oder auch verhaltensgestört. In Aktivprogrammen lernen sie viele Dinge die ihnen helfen ihr Verhalten zu verbessern. Zum Beispiel wie man zusammen in einem Team arbeitet, wie man Spass am Leben haben kann oder wie man Konflikte bewältigen kann. Dies gibt ihnen Hoffnung und sie sehen, dass nicht das ganze Leben nur mühselig ist.
    Zum Beispiel haben wir Jungen hier deren Verhalten sehr schwierig ist. Beim Fussballspiel aber beginnen sie gut im Team mit den andern zusammenzuarbeiten und man sieht wie sich ihr Verhalten plötzlich zu ändern beginnt.

  12. Gibt es Jungen die bereits schwimmen können, wenn sie hierher kommen?
    Nein, die meisten können noch nicht schwimmen. Wir lernen es ihnen hier. Ich bin der Schwimmlehrer und gleichzeitig auch der Rettungsschwimmer an der Schule. Während einer gewissen Zeit jedes Jahr gebe ich Schwimm-Unterricht am Morgen während der Schule und auch während Extra-Kursen am Nachmittag. Die Jungen werden hierbei in zwei Altersgruppen aufgeteilt.

  13. Also lernt jeder Junge schwimmen hier an der TSS?
    Nur wenn er sich traut. Denn es gibt Jungen die grosse Angst vor dem Schwimmen haben und wir zwingen sie nicht dazu.

  14. Seit kurzer Zeit sind ja auch Mädchen an der TSS. Lernen sie auch schwimmen?
    Ja, klar. Die Jungs haben ihnen sogar dabei geholfen es zu lernen. Sie arbeiteten zusammen wie Brüder und Schwestern. Das war wirklich schön mitanzusehen!

  15. Wie lange sind nun schon Mädchen hier an der Schneller Schule?
    Im Internat und in der Schule haben wir seit diesem Schuljahr (2010/2011) Mädchen.

  16. Gibt es zusätzlich zu den Mädchen im Internat noch mehr die in die Schule oder den Kindergarten gehen?
    Ja, es gibt diverse die in die Schule oder den Kindergarten kommen und nach dem Unterricht wieder nach Hause gehen.

  17. Bitte erzähle mir eine besondere Geschichte von deiner Zeit hier an der Schneller Schule.
    Es gibt viele besondere Geschichten die ich dir erzählen könnte, aber meine liebste Geschichte stammt aus meiner Zeit als Erzieher hier. Etwa vor zwei Jahren ging ich nach Amman in einen Supermarkt um ein paar Dinge zu kaufen. Als ich den Mann bezahlen wollte der den Laden führte, weigerte er sich Geld von mir anzunehmen. Ich fragte ihn wieso und er sagte er sei vor 15 Jahren ein Junge bei mir in der Familie gewesen. Dank dem, dass ich ihm gezeigt habe auf was es im Leben ankomme, habe er Erfolg gehabt und habe nun einen eigenen Laden und eine Familie und deshalb nehme er keine Geld von mir an. Dieses Erlebnis hat mich tief berührt.

  18. Was gefällt dir an der TSS generell am Besten?
    Was ich hier am Meisten mag, ist, dass Christen und Muslime in Frieden zusammenleben. Es ist leider alles andere als normal hier in Jordanien, dass Christen und Muslime an einem Ort und unter einem Dach zusammenleben. Ich denke das Wichtigste ist, dass Leute zusammen leben und arbeiten können, ohne dass dabei die religiöse Zugehörigkeit eine Rolle spielt. Man sollte sich einfach wie ganze normale gleichwertige Menschen begegnen und behandeln.

  19. Was an der TSS hat es deiner Meinung nach am Nötigsten verbessert zu werden?
    Ich denke, manchmal ist es schwierig die Erzieher dazu zu bewegen ihre Arbeit gerne zu tun und wirklich für die Kinder da zu sein. Viele kommen hierher und arbeiten ohne eine wirkliche Beziehung zu den Kindern und der Schneller Schule aufzubauen. Sie sind nicht richtig mit Herz bei der Arbeit. Aber genau das denke ich, ist besonders wichtig für die Kinder, denn sie brauchen jemanden der an sie glaubt und der ihnen neue Hoffnung gibt, da sie ja oft aus solch schwierigen Verhältnissen stammen. Deshalb denke ich hier besteht der grösste Handlungsbedarf.

  20. Was denkst du von den Deutschen und Schweizern die hier an die Schule kommen? Gibt es Probleme wegen den kulturellen Unterschieden?
    Ja, es ist tatsächlich manchmal schwierig mit diesen kulturellen Unterschieden klar zu kommen. Die Meisten der Europäer die hierhin kommen, respektieren dies, aber es gibt auch solche die denken sie können die Dinge hier gleich angehen wie zu Hause. Denen müssen wir dann erklären, dass sie hier in Jordanien sind und es hier halt anders läuft.
    Aber meistens finden wir gute Kompromisse zwischen den Kulturen und kommen gut zurecht, weshalb dies doch eher ein Randproblem ist.

  21. Nochmal zu diesen kulturellen Unterschieden: Als ich hier nach Jordanien kam erlebte ich zu Beginn eine Art Kulturschock und ich brauchte einige Zeit um mich an die hiesigen Verhältnisse zu gewöhnen. Hast du Ähnliches erlebt als du in Deutschland warst?
    Ja, natürlich. Zu Beginn hatte ich Mühe mit der neuen Kultur. Zum Beispiel weil die Deutschen so direkt sind. Aber nach etwa zwei Wochen hatte ich mich auch daran gewöhnt.

  22. Wann warst du in Deutschland?
    Ich ging insgesamt etwa 8 Mal nach Deutschland. Zum Beispiel um zu sehen wie die Erzieher in den deutschen Internaten mit den Kindern zusammenarbeiten. Ich nahm viele neue Ideen mit nach Hause, und die braucht es hier in Jordanien denn viele hiesige Erziehungsmethoden sind sehr veraltet und müssen dringend geändert werden.

  23. Wo in Deutschland warst du?
    Stuttgart, Hamburg, Hannover, Tübingen, Frankfurt etc.

  24. Warst du auch in schon in der Schweiz?
    Ja, einmal ging ich zusammen mit meiner jetzigen Ehefrau (die damals noch Erzieherin war), anderen Erziehern und 20 Jungen in die Schweiz. Wir waren von einer schweizerischen Schule eingeladen worden und blieben dort für zwei Wochen. Wir bekamen da die Gelegenheit uns pädagogisch fortzubilden.

  25. Hast du deine Frau an der TSS kennen gelernt?
    Nein sie war Erzieherin an der JLSS im Libanon und ich lernte sie während einer Konferenz dort kennen. Wir heirateten dann auch sogleich dort. Alle Lehrer und Erzieher von hier kamen zu meiner Hochzeit was mich sehr freute. Denn sie sind unterdessen zu meiner Familie geworden (eine richtige habe ich ja nicht mehr).

  26. Was möchtest du der Leserschaft noch mitteilen?
    Ich möchte mich bei allen bedanken die der Schneller Schule helfen wollen oder es bereits getan haben. Kommt her und besucht uns und schaut wie die Kinder hier leben. Wir können jede Form von Unterstützung gebrauchen, sei es auch nur ein anerkennender Gedanke zu unserer Arbeit.